Homo Faber

Im Jahr 1957 erschien der Roman „Homo Faber“ von Max Frisch. Das Buch wurde ein enormer Erfolg und gilt bis heute als überaus treffendes Portrait des Typs von Techniker, der sich in seiner betonten Rationalität anderen überlegen fühlt.

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Mir scheint, daß Frisch auch äußerst treffend beschrieben hat, wie so manche Beziehung zwischen Männern und Frauen in ein Unglück führt, bei dem alle Betroffenen untröstlich bleiben. Ich halte die Darstellung bis heute für sehr authentisch.

Dieser Techniker ist in keiner Weise gerüstet, kluge Frauen ernst zu nehmen. Ich würde Walter Faber nicht als kalt bezeichnen, aber er macht mir einen anmaßenden Eindruck, dem die kunstsinnige Archäologin Hanna in vielen Aspekten einfach ein Rätsel und daher fremd bleibt, egal, wie nahe er ihr kommen darf.

Faber ist so sehr mit sich und seinen Klarheiten beschäftigt, daß sich ein wesentlicher Abschnitt seines Lebens wie eine griechische Tragödie entfaltet, die mit jedem Dreh bitterer wird. Der Mann, die Frau, eine Tochter. Faber ist überhaupt nicht disponiert, auch nur in die Nähe einer Katharsis zu kommen. Selbst die Krankheit, die ihn tötet, bewirkt nichts in diesem Sinn.

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Ich erwähne das Buch hier, weil sich zwei markante Stellen herausgreifen lassen, die anschaulich machen, was einerseits für unser GISAlab, andrerseits für unser Graz 20202-Projekt „Geteilte (in)Kompetenzen“ als Hintergrundfolie Relevanz hat.

Das Klischee von rationalen Mann, dem das Technische vorbehalten sei, im Gegensatz zur irrationalen, ihren Gefühlen ausgelieferten Frau, die sich intellektuell an Kunst verschwenden möge, weil sie dem „Realen“ nicht gewachsen sei.

Wie eines der Zitate belegt, meint Walter Faber, es sei der Beruf des Technikers, mit Tatsachen fertigzuwerden; und das sei Sache des Mannes. Wir wissen heute, daß die Natur uns so nicht gemacht hat, daß übrigens auch Maschinen sich keinesfalls immer berechenbar verhalten, von Maschinensystemen ganz zu schweigen. (Es wäre da wohl von einem androzentrischen Irrtum zu sprechen.)

Vor allem ist Faber jedoch etlichen ganz wesentlichen Tatsachen seines Lebens in keiner Weise gewachsen und Max Frisch bietet uns die Möglichkeit, auf diese Geschichte – ganz gemäß der griechischen Tragödie – mit Schrecken und Mitgefühl zu reagieren, um Katharsis wenigstens möglich zu machen.